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66 DDO sAllgemeinwissen | Vorträge

Wachet auf und stoppt die Gier ...

Schon um 1900 setzt sich der Schweizer      Mörderisch Morde – Bild aus einer Kampagne gegen die Ausrottung von
Aktivist Paul Sarasin dafür ein, die Natur  Schmuckvögeln, 1913.
länderübergreifend zu schützen.
Paul Sarasin hat einiges vor, als er am     Society for the Protection of Birds      „Unfasslich“ sei es ihm, „wie stumpf
16. August 1910 vor dem Internati-          organisieren Kampagnen gegen den         und gedankenlos man die Blamage
onalen Zoologenkongress in Graz             globalen Federhandel. Die Kolonial-      vor der Zukunft auf sich nimmt“.
das Wort ergreift. Der wohlhabende          mächte verhandeln Abkommen zum           Der Schweizer verwebt die einzelnen
Schweizer Publizist, Naturwissen-           Schutz der afrikanischen Großtier-       Themen zu einem globalen Kom-
schaftler will sein Publikum zum            fauna.                                   plex und spart dabei nicht an Pathos:
Handeln anstiften: Die Forscher sol-        Paul Sarasins Idee hat Rückenwind.       „Der Weltnaturschutz ist im Gange,
len von ihren Büchern und Instru-           Unaufhörlich reist er durch Europa,      und er wird den Kampf aufnehmen
menten aufsehen und aus ihren La-           korrespondiert, publiziert, hält Vor-    mit der Zerstörungswut und der sie
boren in die Welt hinaustreten. Dort        träge – und wird so zu einer Größe       befeuernden auri sacra fames“ – dem
gehe eine traurige Verarmung „unse-         im wachsenden Netz der internatio-       „verfluchten Hunger nach Gold“.
rer allgeliebten Natur“ vor sich. „Wa-      nalen Aktivisten. Er diagnostiziert ei-  Dank der Unterstützung angesehe-
chet auf!“, ruft Sarasin. „Da nun die       nen gewalttätigen Übergriff der Gie-     ner Wissenschaftler und den Ambi-
Welt erobert ist, gilt es jetzt, die Welt   rigen auf die Reichtümer der Erde.       tionen des Schweizer Bundesrates,
zu erhalten.“ Er ist erfüllt von ge-        In einem Leserbrief an die Mitteilun-    sich international zu profilieren, kann
rechtem Zorn. Bescheidenheit hat in         gen des Deutschen Seefischvereins        Sarasin Ende 1913 zur ersten Weltna-
solch ernsten Zeiten keinen Zweck.          brandmarkt er die industrielle Wal-      turschutzkonferenz nach Bern einla-
Sarasin propagiert nicht weniger als        jagd, die mit Harpunenkanonen und        den. Viele Debatten des 20. Jahrhun-
den „Weltnaturschutz“.                      Dampfern die steigende Nachfrage         derts sind hier schon vorgezeichnet:
Der Mann ist in guter Gesellschaft.         nach dem Rohstoff für Margarine          Die Themen reichen von der Aus-
Zur Jahrhundertwende blüht der Na-          und Nitroglycerin befriedigen will:      weisung eines Schutzgebietsnetzes
turschutzgedanke in fast allen west-                                                 „von Pol zu Pol“ über den Kampf
lichen Staaten. Dass Schönheit und
Vielfalt der heimatlichen Natur zu
erhalten seien, darauf kann sich das
Bürgertum fast überall einigen. Visi-
onen und Initiativen verbreiten sich
über Grenzen hinaus: Die amerikani-
sche Idee, Nationalparks einzurich-
ten, findet Nachahmer in Europa.
1909 lädt man in Paris zum ersten
internationalen Landschafts- und
Heimatschutztag. Gegenstand der
Debatten ist der grenzüberschreiten-
de Naturverbrauch und die Frage,
wie man ihn stoppen kann: Ließe
sich nicht das noch herrenlose Spitz-
bergen zum ersten internationalen
Naturschutzgebiet der Welt erklären?
Die Vogelschutzverbände mit vielen
Tausend, vor allem weiblichen Mit-
gliedern wie der deutsche Bund für
Vogelschutz oder die britische Royal
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