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Allgemeinwissen | Vorträge DDO                                                  77

gegen die industrielle Waljagd bis       europa den Völkerbund bereits 1919      Paul Sarasin (1856-1926) war ein
hin zum globalen Artenschutz. Eine       aufgefordert, Naturschutz zu einem      Schweizer Naturforscher.
„Weltnaturschutzkommission“ soll         Thema der Staatenorganisation zu
künftig Daten sammeln, Konventi-         machen.                                 zu gestalten? Der Aktivistin Loui-
onen entwickeln, Regierungen be-         Die Visionäre werden enttäuscht.        se Lind-af-Hageby gelingt es 1932,
raten und wachsame Instanz sein.         Obwohl der zuständige stellvertre-      mehr als 1.400 Nichtregierungsor-
Delegierte aus 19 Staaten kommen         tende Generalsekretär, der Japaner      ganisationen für eine entsprechende
zusammen und preisen die Initiative      Inazo Nitobe, die Impulse aufnimmt      Kampagne zu mobilisieren. Schließ-
Sarasins. Und doch spürt man das         und einen Ausschuss für Naturschutz     lich beginnt man im Völkerbund
nationale Zaudern, einer supranati-      in Genf ansiedeln will, schiebt sein    damit, einen Fahrplan für eine inter-
onalen Kommission Autorität einzu-       Chef Eric Drummond das Vorhaben         nationale Standardisierung von Na-
räumen. Denn das Anliegen, natürli-      1921 beiseite: Die Agenda des Völ-      turschutzgebieten zu erstellen. Unbe-
che Ressourcen zu schützen, berührt      kerbundes sei übervoll. Zudem fin-      rührte Natur und wilde Landschaften
wirtschaftliche Interessen. Auch wird    det sich keine nationale Regierung,     werden zum „Erbe der Menschheit“
Sarasins höchst fragwürdiger Vor-        die willens wäre, das Thema auf die     deklariert – ein Konzept, das sich von
schlag, indigene Völker in Reserva-      Tagesordnung zu setzen. Paul Sarasin    1970 an zu einem der erfolgreichsten
ten „unter Naturschutz“ zu stellen,      zieht sich schließlich, über 60 Jahre   Unesco-Programme entwickeln wird.
abgelehnt.                               alt und von Gicht geplagt, ins Privat-
Die StaatenwollenkeineEinmischung        leben zurück. Der Völkerbund aber       In Genf entsteht während der zwan-
in ihre Kolonial- und Rohstoffpoli-      bleibt in den zwanziger Jahren auch     ziger Jahre eine ganze Reihe von
tik. Dennoch geht man einen ersten       ohne eine eigene Kommission für         Grundsatzpapieren und Abkommen.
gemeinsamen Schritt vorwärts: Am         Weltnaturschutz ein wichtiger Ad-       Ein Jahrzehnt später lässt die Krise
Ende der Konferenz wird eine Be-         ressat für Naturschutzvorhaben aller    des Völkerbunds auch viele der neu-
ratende Weltnaturschutzkommission        Art. Wie Sarasin vorhergesagt hat,      en Naturschutz-Initiativen ins Sto-
ins Leben gerufen. In Aktion tritt sie   wird der exzessive Walfang zum The-     cken geraten. Etliche ambitionierte
allerdings nie. Der Erste Weltkrieg er-  ma der frühen Umweltdiplomatie:         Konzepte werden im bürokratischen
stickt die Kooperation buchstäblich      Der argentinische Jurist José Léon      Mahlwerk zerrieben, andere durch
im Keim. Doch schon 1918 schöpft         Suárez entwickelt im Auftrag des        den Widerstand einzelner Mitglieds-
Sarasin wieder Hoffnung. Denn nach       Völkerbundes erstaunlich hellsich-      staaten ausgebremst. Doch auch
Kriegsende entsteht der Völkerbund.      tige Konzepte zum Schutz der Wal-       wenn sie nicht sofort verwirklicht
Umgehend wendet Sarasin sich mit         bestände. Er entwirft eine zukünftige   wurden: Auf lange Sicht bildeten sie
der Bitte, seine Kommission zu be-       globale Allmende der Ozeane, in der     das Fundament, auf dem die interna-
heimaten, an das Generalsekretariat      auch das Waltier ein Recht auf eine     tionale Naturschutz- und Umweltpo-
der Weltgemeinschaft. Er stößt zu-       sichere Existenz hat. Als erstes gro-   litik nach 1945 erfolgreich aufbauen
nächst auf ein positives Echo. Die       ßes internationales Umweltproblem       konnte.
Idee, das Mensch-Natur-Verhältnis        wird die Frage der Meeresverschmut-              (Zeit Geschichte 1/2016)
zum Gegenstand der Diplomatie zu         zung durch Öl im Völkerbund ver-
machen, ist auch anderen zivilgesell-    handelt. Die Bilder sterbender See-
schaftlichen Akteuren gekommen.          vögel erregen großes öffentliches
In den Archiven des Völkerbundes         Entsetzen. Auch die sich globalisie-
findet sich eine bunte Mischung ent-     rende Fleischindustrie, die Tierquä-
sprechender Initiativen. Die Katalo-     lerei bei Transport und Schlachtung,
nische Gesellschaft zum Schutz von       stößt auf wachsende Kritik: Ist es für
Tieren und Pflanzen etwa hat mit der     die friedliche Entwicklung der Welt-
Unterstützung von 30 weiteren Initi-     politik nicht unabdingbar, auch das
ativen aus Europa, Nord- und Süd-        Mensch-Tier-Verhältnis gewaltlos
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